Elisabeth
Katzmann wurde vor 17 Jahren in der UdSSR geboren. Im Alter von fünf Jahren
immigrierte sie nach Israel. Sie sprach fließend hebräisch, ohne Akzent. Sie
hatte schneeweiße Haut, rosige Wangen und kohlenschwarzes Haar. Liz, wie sie von
ihren Freunden genannt wurde, war auch als Schneewittchen bekannt. Sie ist
eines der 17 Opfer des Terroranschlags von Haifa. Ein Anschlag, der auch
dem jüdisch-arabischen Zusammenleben in der multikulturellen Hafenstadt
galt. Ein Mitschüler berichtet.Von Vadim Sirotnikov, 10. März 2003, Übersetzt von H. Schubert / NahostFocus
Ich kannte Liz nicht sehr gut. Aber es gab kaum jemanden an unserer Schule in
Haifa, der ihren Namen oder ihr Gesicht nicht kannte. Sie war immer freundlich
und wenn sie mich sah lächelte sie, s! agte "Hi" und sprach mich mit meinem
Namen an.
Liz belegte Kurse in Theater und Kommunikation und galt als
sehr talentiert. Sie war für den Schulbeitrag im örtlichen Fernsehen
verantwortlich. In drei Wochen sollte sie als Hauptfigur in einer
Schultheateraufführung auf der Bühne stehen, "Die besten Freunde". Die Proben
liefen gut.
Vergangenen Mittwoch gingen Liz und ihre beste Freundin nach
der Schule in die Stadt, um zu bummeln und nach Kostümen für die Aufführung zu
schauen. Danach fuhren die beiden mit dem Bus ins obere Stadtzentrum, wo sie den
Bus für die Fahrt nach Hause bestiegen.
Am gleichen Mittwoch kam ein 21
Jahre alter Palästinenser, ein Student der Polytechnischen Universität in
Hebron (Westjordanland, A.d.R.), im oberen Stadtzentrum von Haifa an.
Er hatte schon seit drei Tagen keinen Kontakt mit seiner Familie. An seinem
Körper trug er mehr als 50 kg Sprengstoff gespickt mit Nägeln und Metallteilen.
Plus einen Abschiedsbrief, der den! Sieg des Islams über Amerika und Israel am
11. September verkündete.
Gegen 14 Uhr besteigt er einen israelischen
Bus. Selbstmordattentäter vor ihm waren angespannt und nervös, befürchteten
entdeckt zu werden und explodierten Sekunden nachdem sie den Bus bestiegen
hatten. Dieses Mal war der Terrorist sich seiner selbst gewiss. Er trug hübsche
Kleidung und passte gut in diese gehobene Mittelschichtumgebung.
Bus Nr.
37 fährt in Richtung der Universität von Haifa, eine Universität mit einer
großen Zahl an arabischen Studenten und einer aktiven arabischen
Studentenvereinigung und Vertretung. Haifa ist eine "Festung" des
jüdisch-arabischen Zusammenlebens in Israel. Es ist die drittgrößte Stadt in
Israel und hat eine große arabische Bevölkerung. In der kommunalen Verwaltung
haben Araber Schlüsselrollen inne.
Der Terrorist bleibt ruhig. Der Bus
ist halb leer, daher wartet er ein paar Minuten, lässt ein paar Haltestellen
passieren, damit mehr Leute zusteigen. Er! geht langsam in die Mitte des Busses,
auf eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen zu. Er will, dass sie alle
sterben.
Viertel nach zwei
Mein
Physikunterricht ist gerade vorbei und mein Vater wird mich abholen, um mich zum
Zahnarzt zu fahren. Der Termin wurde mehrfach verschoben und mittlerweile habe
ich ein ziemlich großes Loch in einem Vorderzahn.
Viele Schüler sind auf dem
Weg nach Hause. Ich beobachte die vorbeifahrenden Autos. Ein Polizeiwagen
beschleunigt plötzlich.
Dann kommt der Schulwachmann auf mich zu (bei uns gibt es am Eingang jeder
Schule bewaffnete Wächter, das fordert ein Gesetz, nachdem Terroristen Schulen
zum Ziel machten). "Worauf wartest du?", fragt er.
Ich denke, dass ich
vielleicht mit meiner dicken Jacke und der großen Tasche verdächtig
aussehe.
"Mein Vater holt mich hier ab," antworte ich.
"Es gab
einen Selbstmordanschlag," informiert er mich.
Haifa ist eine nördliche
Stadt, relat! iv weit von der "Grünen Linie" (Grenze zwischen Israel
und den besetzten Gebieten, A.d.R.) entfernt. Trotzdem haben wir viele
tödliche Terroranschläge erlebt und einige konnten von der Polizei vereitelt
werden. Der letzte Terroranschlag in Haifa liegt beinahe ein ganzes Jahr zurück.
In einem israelisch-arabischen geführten Restaurant, unweit des größten
Einkaufszentrum im Nahen Osten. Meine Mathelehrerin verlor beinahe ihre ganze
Familie. Sie selbst erlitt eine schwere Kopfverletzung und verlor ein Auge. Sie
kam nie mehr zurück zum Unterricht.
Trotzdem denken viele hier, dass wir
sicher sind. Besonders weil die Bevölkerung gemischt ist. Es gab Araber unter
den Opfern und Araber unter den Rettungskräften. Die Bewohner versuchen, das
ohnehin schon fragile Zusammenleben nicht zu gefährden.
Aber ich bin
jetzt schockiert. Die meisten meiner Freunde leben in den oberen Stadtbezirken
oder fahren mit Bussen dorthin. Sie müssten sich jetzt auf dem Nac! hhauseweg
befinden.
"Ich weiß nicht viel," sagt der Polizist.
"Ich habe
einen kleinen Radioempfänger, aber offiziell darf ich bei der Arbeit nicht
Radiohören. Wenn du mitkommst, mache ich es für dich an und ich höre mit.
"
Wir gingen in den Wachraum und er machte das Radio an.
"Diese
Meldung kam gerade rein: Terroranschlag in Haifa. Auf der Moriahstraße. Ein Bus
ist explodiert... das Dach ist weggesprengt... steht in Flammen... Rettungsteams
kämpfen sich durch den Mittagsverkehr..."
Ich versuche meine Eltern
anzurufen, um ihnen zu sagen, dass es mir gut geht. Das Netz ist tot. Es gibt
Mobiltelefonantennen an jeder Straßenecke, aber die Netze sind schnell
überlastet.
Außerdem werden die Mobilnetze nach einem Anschlag
ausgesetzt. Einige Male haben Terroristen Mobiltelefone als Auslöser für eine
Folgedetonation benutzt. Sie hinterlassen einen Bombe, die mit einem Handy
verbunden ist und fünf Minuten nach der ersten Explosion, nachdem ! die
Rettungskräfte angekommen sind, wählen sie das Mobiltelefon an und bringen so
eine weitere starke Bombe zur Explosion, welche Überlebende und Rettungskräfte
tötet.
Plötzlich fährt ein Auto vor und der Vater eines Klassenkameraden
steigt aus.
"Wo ist mein Sohn?", fragt er. "Wann war Schulschluss? Hat
jemand eine Ahnung?"
Wir wissen es nicht. Ein andere Klassenkameradin
kommt vorbei. "Eric ist früher nach Hause gegangen," beruhigt sie den besorgten
Vater. "Er müsste schon zu Hause sein."
Ich lehne ab, dass er mich
mitnimmt. Ich hoffe, dass mein Vater mich abholt - was einige Minuten später
auch so geschieht. "Ich konnte dich nicht erreichen, deshalb bin ich gekommen,
um dich nach Hause zu bringen."
Ich muss an alle Leute denken, die ich
kenne, die betroffen sein könnten. Taurus ging eine Stunde früher nach Hause,
weil ein Wasserrohr bei ihm zu Haus gebrochen war. Er könnte in dem Bus gesessen
haben, aber nicht sehr wahrscheinlich. Ich ka! nn ihn jetzt nicht
erreichen.
David könnte in dem Bus sein. Vielleicht hatte er was an der
Uni oder in der Stadt zu tun. Zuhause angekommen rufe ich bei ihm an. Seine
Mutter antwortet mit verängstigter Stimme.
"Ist David da?", frage
ich.
"Nein, er ist nicht da. Wer spricht da?". Sie hofft, dass ich
wüsste, wo er sei.
"Ich bin ein Freund von ihm. Ich rufe später noch einmal
an," sage ich und denke, dass es besser sei, die Leitung frei zu halten, damit
er seine Mutter anrufen kann.
Meine Großmutter kommt nach Hause. Sie ist
schockiert über die Nachrichten.
"Ich saß in dieser Linie nur eine Stunde
vorher! Und deine 7 Jahre alten Zwillingscousins sind eine Stunde davor auch
damit gefahren."
Ich gehe ins Internet. Das ICQ Nachrichtensystem ist
voll mit Leuten, die nach Informationen suchen. Kettenbriefe gehen mit
Lichtgeschwindigkeit durch.
"Von Amit wurde seit dem Terroranschlag
nichts mehr gesehen oder gehört. Falls ihn jemand ge! sehen hat, bitte rufen sie
seine Eltern an. Die sind krank vor Angst."
Nach einer Weile die
Nachricht: "Amit ist ok. Bitte weitergeben." Puh.
Aber leider ist das die
einzige gute Nachricht.
"Meine beste Freundin Liz ist noch nicht zu Hause
angekommen," schreibt mein Freund Roni.
"Liz?", frage ich. Ich habe ein
schlechtes Namensgedächtnis.
"Du weißt schon, das blasse Mädchen mit den
langen schwarzen Haaren."
"Könnte sie nicht nur verletzt sein?", schlage
ich vor.
"Nein. Ihre Eltern haben alle Krankenhäuser angerufen. Sie ist
vermisst oder tot."
Schwarz und fett gedruckt
Die
Wände unserer Schule sind aus grauem Zement. Das war damals anscheinend beliebt.
Heute hält man es für hässlich und das stimmt, aber Farbe hält an den nackten
Zementmauern nicht.
Heute sind die Wände noch grauer als
sonst.
Ein Fernseher bricht das Schweigen. Jemand gibt die Morgenzeitung
rum. Die Leute fangen an, von ! ihren Erlebnissen zu berichten. Jemand kennt
mehrere der Todesopfer. Einer ist der Explosion knapp entkommen. Einer lief zum
Tatort und half Menschen zu retten. Der unaussprechliche Horror lässt ihn in
Tränen ausbrechen... ein weiteres Mal.
Der Schuldirektor verkündet, dass
er mit den Eltern von Liz gesprochen hat. Es wurde bestätigt, dass sie unter den
Toten ist. Bald kommen wir zu einer Trauerzeremonie zusammen. Die, die Liz
kannten, bleiben draußen und weinen. Die, die sie nicht kannten, vermeiden
darüber zu sprechen.
Die Zeremonie beginnt mit Lesungen von Lehrern und
ihren Freunden. Liz\' Bild hängt an der Wand. Ein drei Jahre altes Bild, das bei
ihrer Schulzulassung aufgenommen wurde. Daneben ihr Name in schwarzen
fettgedruckten eckigen Druckbuchstaben - so wie in Todesanzeigen üblich. Und
Kerzen. (In Israel gewöhnt man sich an Friedhofskerzen)
Die Redner
sprechen von Liz. Verabschieden sich. Sprechen Gebete für ihre Seele. Sprechen
Gebete für den F! rieden. Einer trägt einen Song vor, den er gerade für sie
geschrieben und komponiert hatte. Es ist schwer, Schüler weinen zu sehen. Es ist
noch schwerer, deine Lehrer und den Schulvorstand trauern zu sehen.
Ich
versuche, nicht in Tränen auszubrechen. Ich weiß nicht warum. Vielleicht weil
ich fühle, dass ich kein Recht habe zu weinen, weil ich Liz gar nicht so gut
kannte.
Das perfekte Wetter draußen wird zu einem perfekten Sturm. Ich
will zu dem Ort des Terroranschlags, aber ich kriege keine Mitfahrgelegenheit.
Und es regnet stark. Ich kriege eine Fahrt nach Hause und schlafe den Rest des
Tages.
Ich schaue mir die Spätnachrichten an und sehe Liz\' Bild unter den
Opfern. Sie haben ihren Namen falsch geschrieben und ihr Alter falsch angegeben.
Außerdem haben sie ein wirklich schlechtes Bild ausgewählt, für so ein hübsches
Mädchen. Ich gehe wieder zurück ins Bett.
Und der Himmel
weinte
Am nächsten Tag versuchen wir mit dem Unterri! cht
weiterzumachen. Kein Lehrer fordert heute Disziplin oder notiert das Kommen und
Gehen von Schülern. Wie könnte man jemanden, der innerlich zerrissen ist, dazu
bringen, in einem Klassenraum zu sitzen? In einem Raum mit Liz\' Stuhl, der
jetzt für immer leer bleibt... Wir besteigen die Busse zu Liz\' Beerdigung. Ich
kann noch immer nicht glauben, dass sie tot ist. Die ganze Schule ist da. Und
Schüler von anderen Schulen. Ehemalige Schüler kommen vom Armeedienst. Vertreter
der Regierung sind da. Warum kommen sie nicht zu freudigen Ereignissen? Nur zum
Trauern.
Dann kommt die Familie von Liz. Ich kann den Anblick ihres
Schmerzes nicht ertragen. Ich drehe mich um. Was sie sagen, schneidet einem ins
Herz wie Rasierklingen, und du fühlst, dass du Blut auf dein Hemd weinst. Von
allen Leuten wurde das lebhafteste, unschuldigste und talentierteste Mädchen von
einem grausamen Mörder aus der Welt genommen.
Als der Rabbiner mit den
Trauergesängen einsetzt wird Liz\' Sarg! in einen gesonderten Bereich des
Friedhofs getragen, der den Terroropfern gewidmet ist. Normalerweise wird ein
toter Körper in ein Leichentuch gewickelt und so beerdigt. Liz nicht. Ihr
Körper, kaum wiederzuerkennen, ohne menschliche Konturen, ist nicht in einem
Zustand so umwickelt zu werden. Dieses Mal wurde ein Sarg benutzt.
Eine
Menge von einigen hundert trauernden Menschen steht in absolutem Schweigen. Die
Gebete sind beendet und langsam, einer nach dem anderen, gehen Menschen an ihrem
Grab vorbei und legen eine Blume nieder, ein Bild, oder einen Stein, da wo ihr
Körper vor einigen Minuten gebettet wurde. Die Israelis stehen ruhig in der
brennenden Sonne, schwarz gekleidet, schweigend und warten geduldig bis sie dran
sind. Der einzige Ort, wo Israelis nicht drängeln, ist der Friedhof, so zynisch
das klingen mag.
Als ich am Grab stehe, fühle ich mich immer noch wie in
einem Traum. Ich schaue auf ihr Bild und halte alles für ein bizarre Parade. Ich
kannte nu! r ihren Namen und ihr Bild. Ich kam, weil ich wünschte, ich hätte sie
besser gekannt. Ich kam, um mich zu revanchieren. Für die Male, die sie mich
angelächelt und meinen Namen gesagt hat und mich damit für ein paar Sekunden hat
toll fühlen lassen.
Ich lege einen Stein auf ihr Grab. Der fällt irgendwo
hinter die Blumen. Beim Weggehen bemerke ich einen Grabstein mit einem bekannten
Namen. Es ist die Tochter meiner Mathelehrerin, die vor einem Jahr getötet
wurde. Ich seufze und lege einen weiteren Stein auf ihr Grab. So viele Opfer. So
viele frisch gehobene Gräber. Bedeckt mit frisch gepflückten Blumen.
Als
ich den Friedhof verlasse, spüre ich einen nassen Tropfen. Es regnet, aber nicht
so stark wie am Vortag. Die Sonne versteckt ihr tränendes Augen hinter einer
Wolke. Der Regen streicht über unsere Köpfe, sanft, freundlich, in
Zuneigung.
Als ich in den Matsch trete, der Himmel über meinem Kopf
weinend, denke ich an das Mädchen, dass ich zurück gelassen hab! e, ganz allein
in der kalten Erde, in einem Sarg und einem Leichensack. Ich glaube, dass ich
mehr als einen Stein bei ihr gelassen habe. Ich erwarte immer noch, dass die
ganze Sache aufhört und sie dann wieder da ist. Sie ist so wirklich und so
lebendig. Und ihr Lächeln ist so groß und heilend.
Aber ich kannte Liz
Katzmann kaum. Und leider werde ich das niemals.
Nahostfocus
S. Salomon ( 15/03/2003 13:25
)
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